Eckdaten

Maßstab: 1:750

Maße: L x B x H 295,5 cm x 147,5 cm x 27 cm (Modell ohne Tisch)

Material: Eloxierter Aluminiumguss

Gewicht: ca. 180 kg

Entstehungsjahr: 2004/2005

Fertigungsumfang: 500 h (Topographie und Stollen, ohne Guss)

Auftraggeber: Stiftung KZ-Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora anlässlich des 60. Jahrestags der Befreiung. Aufstellung unter freiem Himmel vor dem neuen Lern- und Dokumentationszentrum Mittelbau-Dora.

Bearbeiter: Claudius Karlinger, Peter Götz und Elisabeth Lukas-Götz

Projektpartner: Jörg Röser, Zorneding (Fräsarbeiten für Urmodell); Fa. Pfefferkorn, Landsberg (Guss); Südbayerische Oberflächen GmbH, Weilheim (Eloxieren); Kleineberg und Pohl, Architekten, Braunschweig (Neubau, zuständig für alle bauseitigen Maßnahmen, einschließlich Tisch)

Aufgabe und Gegenstand

Aufgestellt vor dem malerischen Landschaftspanorama des Kohnstein soll das Modell zur Lesbarkeit des historischen Lagerkomplexes Mittelbau-Dora beitragen, der heute wegen des nahezu vollständigen Verlusts des baulichen Bestands ohne Hilfestellung kaum mehr nachvollziehbar ist.

Unser Konzept der Darstellung der landschaftlichen Topographie als Haut in Verbindung mit dem unter der Landschaft verborgenen Produktionsstollen, der an einer Stelle hervorlugt, enthüllt den Entstehungszusammenhang und die Grundstruktur des Lagers auf einen Blick. Es macht das Bedingungsverhältnis zwischen Stollen und Lager zum übergeordneten Gegenstand der Darstellung.

 

Stollen und Lager

 

Metaforik der Mittel

Bei der Wahl der Darstellungsform haben wir uns für Metallguss entschieden in der Überzeugung, dass die Wahl des Materials und des Produktionsverfahrens den Charakter der zu bewahrenden Erinnerung auf eigene Weise und unabhängig von dem, was abgebildet wird, auf sinnlich-körperliche Ebene zu transportieren vermag.

Die durch das Gussverfahren gegebene Verschränkung von Handschriftlichkeit und anonymisierender Überformung durch technische Prozessschritte erscheint uns eine angemessene gestalterische Antwort bei der Bearbeitung eines Themas, das die serielle Rüstungsproduktion durch KZ-Häftlinge zum Hintergrund hat, die jeder Individualität beraubt waren. In der behutsamen Zulassung von Bearbeitungsspuren und Handschrift erfährt auf gestalterischer Ebene menschliche Individualität ihre Rehabilitierung.

Metall als Werkstoff verweist unmittelbar auf die Materialwelt der in den Stollen betriebenen Waffenfertigung.

 

Stollen und Lager

 

Vielschichtige Dialogstruktur

Das aufgestellte Objekt bündelt und verschränkt verschiedene Ebenen der Information und Kommunikation, aber auch des Maßstabs und hält diese zueinander in Schwebe.

Im kleinen Maßstab, als Überblick vermittelt der Guss die anschauliche Gestalt des vormaligen Lagers als Ansammlung gesichtsloser/anonymer Baracken, lose strukturiert durch Grenzen, Wege und Eisenbahnlinien, doch eingebettet in ein großes Landschaftsrelief. Eine Legende versetzt den sichtbaren Bestand schlaglichtartig durch Begriffsetzung mit Bedeutungssplittern. Als Gemenge stimmen visueller Eindruck und Begriff auf den Ort und seine Geschichte ein.

Es ist das Faszinosum einer erkannten visuellen Parallelsetzung (markant lesbar v.a. an der charakteristischen Silhouette des Kohnstein), wie sie nur die Aufstellung im Freien erlaubt und durch eine geschickte Steuerung der Blickrichtung (gerichtete Legende, Gebäude im Rücken) begünstigt wird, die über den Zustand der Konfrontation von Modell und abgebildeter, realer Landschaft hinaus zum produktiven Spiel des Vergleichens führt, in dem Modell und Realraum miteinander verschränkt und am Modell angesprochene Sachverhalte auf die konkrete, doch leere Landschaft übertragen werden. Mit diesem Schritt der Projektion erweitert sich für den Betrachter die Binnenkommunikation auf dem Modell hinein in den physischen Realraum.

Die kranzartig in den Betontisch eingelassenen gravierten Namensstreifen rufen dazu ergänzend begrifflich den entferntesten räumlichen Horizont, das weitgespannte Netz naher und ferner Außenlager, in Erinnerung.

Es gehört zur Eigenart der Aufstellung eines solchen Objekts unter freiem Himmel, dass es - in umgekehrter Perspektive - skulpturaler Teil des einen, großen Landschaftsraums wird. Die Abhängigkeit der Anmutung vom Wechsel der Witterung ist dabei eine der Folgen.

Dokument

Bei aller Verpflichtetheit in der Sache ist die vorgestellte Arbeit zugleich auch Ausdruck gegenwärtigen Bewußtseins und gibt in ihrer Form des Erinnerns Aufschluss über uns Menschen heute.

Querverweise

Für die neue Dauerausstellung im Lern- und Dokumentationszentrum haben wir 2006 ein weiteres Modell für den Innenraum gebaut. Es zeigt die Lagerstandorte des KZ Mittelbau in der abstrahierten Landschaft des Harzes im Maßstab 1:25000.

Für die KZ-Gedenkstätte Dachau haben wir bereits zwischen 2001 und 2003 ein anderes großes prominentes Lagermodell gefertigt.

 

 

Bildnachweis:
Fotos 1-9,12-15 und Film: sehen + verstehen, München
Foto 10: After the Battle, Heft 101, Doncaster (GB) 1998, S. 39
Foto 11: Mittelbau-Dora. Das ehemalige Konzentrationslager im Südharz, fotografiert von Jürgen M. Pietsch, Spröda 2004, S. 80

 
MITTELBAU DORA / Nordhausen
Modell im Außenbereich des Lern- und Dokumentationszentrums