Eckdaten

Maßstab: M 1:350

Maße: L x B x H: 152 cm x 146,3 cm x 23,2 cm

Material: Birnbaum

Entstehungsjahr: 2006/07

Fertigungsumfang: 1000 h

Auftraggeber: Schlösserverwaltung Hessen, Bad Homburg

Aufstellungsort: Foyer von Schloss Homburg

Bearbeiter: Gerhard Wandinger, Claudius Karlinger, Peter Götz

Aufgabe und Gegenstand

Das vom Auftraggeber gewünschte „Tastmodell für Blinde und Sehende“ will die grundsätzliche Disposition der Anlage, das Zusammenspiel von Schloss und Garten und der sie bildenden Teile zeigen. Auf eine Darstellung der Umgebung ist bewusst verzichtet. Die auf den Gegenstand zurückgehende polygonale Außenkontur war die Folge.

Tasten als bestimmende Dimension für die Gestaltgebung

Der Maßstab und die resultierende Objektgröße, die Höhe der Aufstellung und der zurücktretende Sockel sind den ergometrischen Überlegungen geschuldet, wie ein guter Zugriff auf das Objekt ermöglicht werden kann. Im Unterschied zum Schauobjekt sind dem Tastobjekt Grenzen in der Größe gesetzt.

Die Abstellung auf das Tasten erfordert eine noch deutlichere Reduzierung der dargestellten Eigenschaften bei teilweiser Übertreibung kleinteiliger Aspekte, damit sie für die Finger wahrnehmbar bleiben.

Was Sehende nur als unterschiedliche Rauigkeit wahrnehmen, ist für Blinde das zentrale Unterscheidungsmerkmal. Am Modell sind Wasser, Boden, Beete, Bäume und Architektur der Rauigkeit nach unterschieden.

Das Material

Bronzeguss ist nicht nur im Hinblick auf die Tastbarkeit gut geeignet, er bringt auch eine dem höfischen Leben angemessene Wertigkeit ein. Am Aufstellungsort im Foyer des Schlosses kombiniert sich darüberhinaus das Modell der Schloss- und Gartenanlage gut mit der Bronzebüste eines ihrer Schöpfer, des Markgrafen Friedrich II., gefertigt von Andreas Schlüter.

Ausdruck (aus der Sicht eines Sehenden)

Stärker als ein dezidiert farbiges Modell vermittelt ein Gussmodell seine Unabhängigkeit von der dargestellten Wirklichkeit und bringt sein eigenes Material und die Verfahren, die auf dem Weg seiner Herstellung eine Rolle spielen, zur Geltung. Es entwickelt sich ein eigener, nicht immer steuerbarer, an manchen Stellen ungelenker, darin aber auch berührender Ausdruck.

Nie scheint im spröden, herben Klang des Modells die Idee einer idyllischen, spielzeughaften Welt im Kleinen auf, stärker schon die Anmutung einer in sich zurückgezogenen Welt, die in ihrer Stummheit umso stärker spricht.

Für den Sehenden nimmt das Modell mit seiner zarten, nuancierten Farbigkeit zwischen vollfarbig und monochrom eine Zwischenstellung ein. „Aus einem Guss“ findet hier eine untypische Auslegung. Denn es handelt sich um eine Kombination aus Gelände-, Architektur- und Vegetationsdarstellung, die auf verschiedene Fertigungsverfahren zurückgehen (Sandguss, Wachsausschmelzverfahren und Sandguss mit verlorener Form) und neben der Nachbehandlung für die Farbnuancen verantwortlich sind.

Legende und Beschriftung – die Verschränkung von Bild und Begriff

Auf der Legende außerhalb des Modells sind Erläuterungen zur Architektur und zum Garten zusammengestellt und dazu bildliche Darstellungen mit Sprache kombiniert. Während die Architektur in schematisch flacher, grundrissartiger Darstellung wiedergegeben ist und die verschiedenen Trakte mit Klar- und Brailleschrift bezeichnet sind, werden auf der Gartenseite wichtige bildnerische Mittel der Gartengestaltung vollplastisch wie im Modell im Ausschnitt zitiert und in Blindenschrift begrifflich erläutert. Im Modell selbst sind am Schauplatz die wichtigen Gartenpartien mit einer Namen-Plakette versehen. Die grundsätzliche besondere gestalterische Herausforderung liegt in einer überzeugenden Verschränkung der zueinander spannungsvoll stehenden Bereiche Bild und Begriff.

Darstellungsmodus

Dem Auftrag ging eine offene, intensive Suche nach geeigneten tastbasierten Vermittlungs- und Darstellungsmöglichkeiten voraus, die dem Ansatz folgte, für verschiedene Aspekte des Themas nach speziellen Strategien der Vermittlung zu suchen.

Bei der realisierten Darstellung handelt es sich um eine klassische, bildlicher Geschlossenheit verpflichtete Form, in der die verschiedenen Teilaspekte ineinanderliegend und gleichermaßen behandelt sind.

 

Bildnachweis:
Fotos: sehen + verstehen, München

 
SCHLOSS UND HOFGARTEN / Bad Homburg v.d. Höhe
Tastmodell für Blinde und Sehende